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Hompage Dorothea Siwik

Nachkriegsjahre - auf einmal verläuft das Leben anders!
 

Welchen Einfluss hatte der Krieg auf das Leben  der Befragten?

 

In Auszügen sind auf dieser Seite einige Aussagen zu lesen.

 

Eine Verwandte meiner großmütterlicherseits, sie ist Russin und erlebte die Kriegs und Nachkriegsjahre in Russland, schrieb dazu:

`...Im Herbst 1946 kehrte ich aus dem Dorf zu meiner Mutter und Schwester nach Moskau zurück, denn für mich begann die Schule.

An die ersten Nachkriegsjahre habe ich sehr deutliche Erinnerungen.

Es fehlte alles: Bekleidung, Schuhe, Medizin, Seife. Die Klassenräume wurden nicht geheizt, weil Holz und Kohle fehlten. Manchmal war die Tinte gefroren! Wir saßen in Wintermänteln und wärmten uns die Hände mit dem Atem.

Am schlimmsten war der Hunger. Lebensmittel waren rationiert, Lebensmittelkarten wurden immer nur für den laufenden Monat ausgegeben. Meistens standen die Kinder in langer Schlange vor den Läden, denn die Eltern mussten ja arbeiten. Wer abends zum Einkauf kam, bekam oft nichts mehr. Die Lebensmittelzuteilungen reichten nicht aus und so hatten wir immer Hunger. Oft, vor dem Schlafengehen, habe ich meine Mutter gebeten, im Küchenschrank nach einem Stück Brot zu suchen. Sie tat so, als suche sie und fände nichts. Ich selber wusste auch ganz genau, dass nichts da war.

Das habe ich bis heute nicht vergessen, ich kann kein Stück Brot wegwerfen!

Wegen unzureichender und vitaminarmer Ernährung hatte meine Schwester oft Furunkel und ich Gerstenkörner. Manchmal fehlten ganze Schulklassen wegen einer Scharlachepidemie oder einer anderen Krankheit.

Ab und an schickte Oma in diesen schweren Zeiten den Opa zu uns. Meistens kam er spät am Abend und brachte Milch, ein wenig Fleisch, Kartoffeln und Gebackenes. Mutter heizte den Ofen, briet Fleisch und wir aßen uns einmal richtig satt. Das war immer ein Fest für uns...`


Ihr Ehemann lebte während des Krieges mit seiner Mutter und seiner Schwester in der Emigration in der Sowjetunion. Er schrieb:

`...Mich hat, wie viele Menschen meiner Generation, der Krieg beeinflusst, und Spuren in Form von Erinnerungen hinterlassen, die, selbst wenn ich sie verdrängen wollte, für immer im Gedächtnis bleiben: die Tatsache, dass ich während des II. Weltkrieges gelebt habe und Hunger, Elend, Schwarzen Markt kennen lernte.

Aber ich habe auch die Erfahrung von Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Emigranten gemacht.

Als wir nach Deutschland zurückkehrten, wohnten wir in der ersten Zeit in Weimar.

Im KZ Buchenwald   zeigte sich mir der deutsche Faschismus von seiner menschenverachtendsten und brutalsten Seite. Mein Hass gegen die Nazis verstärkte sich.

Zu meinem Glück wurde daraus kein Hass auf alle Deutschen! Das verdanke ich meiner Mutter, die mich internationalistisch erzogen hat. Nicht unwesentlich war die Erfahrung aus dem Zusammenleben mit anderen Nationalitäten in der Sowjetunion. Man hat da immer getrennt zwischen den deutschen Antifaschisten und dem deutschen Volk auf der einen Seite und den Faschisten und der Deutschen Armee auf der anderen Seite.

Im Rückblick würde ich sagen

Meine Kindheit war mit den Bombennächten in Moskau und unserer Evakuierung nach Kasachstan zu Ende...`


Die Mutter unserer polnischen Freundin beantwortete die Frage so:

 

`...Ich habe alles Gott aufgeopfert und auf ihn vertraut.

Unsere Kriegserlebnisse während des Warschauer Aufstandes waren weniger schwer im Vergleich zu dem, was andere Menschen während des Aufstandes in Warschau und in den KZ durchmachen mussten.

Weil mein Vater im Krieg gefallen war und meine Mutter sehr krank war, musste ich die Familie ernähren. Ich hätte gern studiert, aber das war nun  nicht mehr möglich...`


Der Onkel meiner Großmutter erlebte das Kriegsende in amerikanischer Gefangenschaft. Seine Antwort auf die Frage lautete:

`...Ich war froh, dass ich mit dem Leben davongekommen war. Ich war ja erst 24 Jahre alt, da steckt man vieles besser weg. Ich freute mich,  als ich endlich  meine Eltern und Geschwister gefunden hatte und aus der Gefangenschaft entlassen wurde. Da erfuhr ich dann, dass meine kleine Nichte Monika nicht mehr lebte und dass auch von meinem Schwager Franz seit Januar 1943 kein Lebenszeichen mehr gekommen war. Niemals wäre ich in normalen Zeiten nach K.  gekommen, wo ich heute noch lebe. Ich heiratete eine Bauerntochter und wir bauten in späteren Jahren  ein Haus Ich arbeitete ein Leben lang als Friseur. Das ist vielleicht das einzige, was mit und ohne Krieg passiert wäre...`

 
Meine Großmutter antwortete auf diese Frage:

`...Zuerst einmal habe ich alles Schlimme  vergessen, denn im Oktober 1945 kam ich in die Schule.

Ich hatte sogar eine Zuckertüte, gefüllt mit ein paar Kartoffeln, Tomaten, Möhren, vier Scheiben Brot, einem Gläschen Marmelade.
Ich besaß ein Hemd, zwei Schlüpfer, zwei linke Schuhe - einer schwarz einer blau - ein Kleid, eine Strickjacke.
Wenn meine Sachen nicht rechtzeitig trocken wurden, musste ich im Bett bleiben und die Schule schwänzen.
Wir wohnten in einem kleinen Zimmer zur Miete, in dem uns nichts gehörte, in dem wir nichts anfassen durften!

Meine Mutter arbeitete als Trümmerfrau.

Dann sprachen wir eines Tages in der Schule über den Krieg, die Kriegsverbrechen, die "Umsiedlung" aus den Ostgebieten. Da fiel mir alles wieder gründlich ein und ich erzählte alle meine Erlebnisse.

Ich weigerte mich, Dokumentations- Kriegsfilme mit der Schulklasse zu besuchen, weil die wohlbekannten Geräusche von Schüssen und Panzern mich zum Zittern brachten und ich sogar den Kriegsgeruch in der Nase hatte! Das geht mir noch heute so!

Meine unbeschwerte Kindheit war 1945 zu Ende, ich musste zeitig Haushalts-Aufgaben übernehmen, denn meine Mutter ging arbeiten.

 

Ich war und blieb ohne Vater und ohne Geschwister. Das hat mich bis ins Erwachsenenalter schwer getroffen...`

 

Es war Schwerstarbeit, den ganzen Tag Steine zu klopfen und kaum etwas zum Essen zu haben
(Archivbild)
 

 

 

 

 


 


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